von Götz Weber, Pastor der ev.-luth. Kreuzkirchengemeinde Bremerhaven-Mitte
August 2014: Wir haben uns entschlossen, als Gemeinde für die wachsende Zahl von nach Bremerhaven kommenden Flüchtlingen da zu sein. Einheimische Deutsche, die mitmachen wollen (jenseits der bisher in der Gemeinde Aktiven) sind bald gefunden. Im Seemannsheim nahe der Kreuzkirche haben wir eine erste Veranstaltung mit den aus Syrien und dem Irak Geflüchteten geplant. Die kommen in kleinerer Zahl als erwartet und sind merkwürdig bedrückt und abwesend. In der Heimat der mehrheitlich jesidischen Leute wütet der IS, ermordet Männer, entführt Frauen und Kinder in die Sklaverei. Wir setzen eine Schweigeminute an, gedenken der Ermordeten und Verschleppten. So viel Schmerz in diesem Raum und doch tröstet das Zusammenstehen.
September 2015: Merkel lässt Tausende Geflüchtete über die deutschen Grenzen. Für viele ein Fehler, für uns ein Höhepunkt der deutschen Geschichte. Jeden Tag haben wir zwei Deutschkurse in unseren Räumen und in der Woche bis zu 20 Treffen: neben den Kursen Beratung, Ehrenamtlichen-Fortbildung, Ausflüge … Im September 2015 kommen wöchentlich über 10 Ehrenamtliche hinzu. Über 300 Ehrenamtliche haben wir in unserem „Netzwerk für Flüchtlinge“. Die normale Gemeindearbeit rückt fast in den Hintergrund.
Ostern 2016: die ersten Taufen von Geflüchteten. Bei einem Beratungstreffen einige Monate vorher sagt eine Mitarbeiterin: da ist ein Kurde, der möchte getauft werden. Davon haben wir noch nie gehört. Und weitere kommen hinzu. Einen internationalen Bibelkreis haben wir schon: syrisch-orthodoxe Christen, Afrikaner, Osteuropäer sind dabei. Aber jetzt die ersten Konvertiten, Erwachsene, die zu Jesus wollen. Als ich die ersten von insgesamt an die 100 taufe, spüre ich den Hauch des Heiligen Geistes.
September 2018: fast die Hälfte aller Gottesdienstbesucher sind jetzt Geflüchtete. Wir fangen an, Lesungen in Persisch und Arabisch und in diese Sprachen übersetzte Predigten an die Wand zu projizieren, um die Teilhabe der Geflüchteten zu erhöhen. Mittlerweile sind die konvertierten Iraner die größte Gruppe. Wir veranstalten große Glaubenskurse. Gebete in verschiedenen Sprachen werden manchmal im Gottesdienst gesprochen. Wir experimentieren mit Pantomimen biblischer Texte.
September 2021: eine mit Spannung erwartete Gemeindeversammlung. Thema sind die Anfangszeiten der Gottesdienste. Bisher haben wir 3x im Monat um 10 Uhr Gottesdienst – stärker Deutsch geprägt mit gewisser Teilhabe der internationalen Christen und einmal im Monat einen internationalen Gottesdienst um 11 Uhr. Die Geflüchteten sind inzwischen die größte Gruppe im Gottesdienst, der migrantenfreundliche Kirchenvorstand will einen einheitlichen Gottesdienstbeginn um 10.30 Uhr als Kompromiss. Ältere Deutsche verteidigen den 10 Uhr-Gottesdienst als den Ihren, wollen die internationalen Christen zwar teilhaben lassen, aber nicht gleichberechtigt gegenüber den Alteingesessenen. In der Gemeindeversammlung wird hart diskutiert. Am Ende wird abgestimmt. Eine deutliche Mehrheit hebt die Hand für 10.30 Uhr. Der Weg zu einer interkulturellen Gemeinde steht offen. Uns fällt ein Stein vom Herzen, wir sind sehr dankbar.
Mai 2022: Ein schöner Frühlingstag. In unserem Begegnungscafe sitzen wir draußen unter Bäumen vor dem Gemeindehaus. Der Geruch von Borscht zieht in die Nase. Ukrainerinnen haben gekocht. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 sind auch nach Bremerhaven viele Menschen aus der Ukraine gekommen. Anfangs kommen sie zögerlich in unser Begegnungscafe zweimal die Woche mit Deutschlernen, Spielen, kleinen Ausflügen, Beratung. Bald öffnen wir das Cafe auch für andere Geflüchtete der Gemeinde und fortan mischen sich hier neben den Ukrainerinnen auch z.B. Afghaninnen und Afghanen, über 10 Nationen, 30-60 Leute pro Treffen. Heute ist Ukrainisch unsere 2. Gottesdienstsprache und wird neben Persisch an die Wand projiziert, die Version in Arabisch und Englisch gibt es aufs Handy.
April 2023: Kurdinnen und Kurden tanzen im Gemeindehaus der Kreuzkirche, singen und spielen auf bei uns unbekannten Zupfinstrumenten. Der arabische Pastor hält eine missionarische Predigt. 40 Erwachsene und 12 Kinder sind in den Gemeindesaal der Kreuzkirche gekommen. Das erste Treffen von Kurdinnen und Kurden bei uns, der „kurdisch-arabische Nachmittag“. Ermöglicht durch „missionarische Chancen“ unserer Hannoverschen Landeskirche in einer „Lerngemeinschaft interkulturelle Gemeindeentwicklung“ zusammen mit zwei Gemeinden in Hannover, die auf ihre Weise auch interkulturell unterwegs sind. Die gezeigten Filme, die frei gehaltene Predigt, die arabischen Loblieder, die Gemeinschaft bei kurdischer Musik und beim Essen öffnen die Herzen.
Dezember 2024: Weihnachtsfeier unseres Internationalen Treffs. Eine bunte Mischung von Leuten tanzt zur mit Leidenschaft vorgetragenen Musik des Nigerianers. Afrikanerinnen und Afrikaner sind auf der Tanzfläche, aber auch konvertierte Afghanen aus einer streng islamischen Kultur, die noch nie getanzt haben, und viele andere. Ein Gefühl von Freiheit weht durch den Raum. Der Magistrat der Stadt Bremerhaven hat uns dieses diakonische Projekt für Menschen aus Afrika ermöglicht, auch wenn die Zuschüsse dafür nach kurzer Zeit den städtischen Sparplänen zum Opfer fallen. Bei der Veranstaltung beginnt alles etwas später als geplant, wir schieben noch einen Film auf Englisch über Jesu Geburt ein, um die Zeit zum sich verspätenden Essen zu überbrücken. Das afrikanische Essen schmeckt dann wunderbar. Mit den Afrikanern, auch wenn sie zögerlich auftauchen, kommt nochmal ein neuer Farb- und Lebenston in unsere interkulturelle Gemeinde.
Mai 2025: Unsere Gemeinde ist immer in Bewegung. Neue Leute kommen, andere, die schon länger dabei sind, kommen seltener. Seit einem Dreivierteljahr ist wieder Kirchenasyl ein großes Thema. Immer wieder gilt es, Neue ehrenamtlich einzubinden, Veranstaltungen geänderten Bedürfnissen anzupassen, Hilfe- und Seelsorgeanliegen so vieler aufzunehmen. Die Vorbereitung jedes Gottesdienstes kostet viel Zeit: übersetzen in vier Sprachen, die Powerpoint zusammenstellen, Pantomime biblischer Texte einüben, Betende in fünf Sprachen ansprechen. Einer sucht den persischen Lobpreis heraus und übersetzt ihn auf Deutsch, der neue Kantor baut gerade eine Band auf und eine internationale Singgruppe. Jetzt geht es auch um die Zukunft unserer internationalen Gemeinde. Können wir, wie wir hoffen, unser Gebäude, das wir nach dem Gebäudebedarfsplan nicht behalten dürfen, verkaufen und zugleich als Gemeinde bei dem neuen Eigentümer drinbleiben? Wird die spannende Pfarrstelle für diese besondere Gemeinde erhalten bleiben mit dem schönen Pfarrhaus nahe dem Deich im Zentrum von Bremerhaven? Wird Gott mit seinem Segen und seinem Heiligen Geist, mit denen er uns durch manche Stürme und Herausforderungen geleitet hat, weiter unsere Gemeinde inspirieren, bewahren und in Bewegung halten? Darauf vertrauen wir.